Archive for Februar, 2011

Männer sind doch Romantiker. Vielleicht bloß auf eine andere, vielleicht eher etwas unbemerkt- subtilere Art. Jedenfalls können sie es mehr sein, nach dem Lesen dieser Zeilen.

Der Familienknecht krümelt nun in Geschlechtersolidarität etwas bröselige Lebenserfahrung auf den gut in Alkohol eingelegten Männerbrägen.

Hier die Männeranweisung zur Harmonie- und Ruheerlangung in der Partnerschaft:

Etwa die Hälfte der Menschheit steht auf lebenslange romantisch- rosa Brillen. Mit allem, was ihrer Meinung nach dazugehört. Von rosa Barbie mit Pferdchen über „die erste Liebe für immer“  bis zur „Hochzeit ganz in weiß“. Sogar noch viel weiter. Warum tut hier nichts zur Sache, denn es ist sowieso nicht zu verstehen.

Oft ganz unverhofft kommt wie aus dem Hinterhalt die Probe für Familienknechte. Ein von ihr wie nebenbei leise hingesäuseltes „weißt du noch wie…?“

Männer: hier gilt es sofort zu reagieren!

Ganz egal was ihr gerade Wichtiges tut. Selbst wenn Fußball läuft. Ja, sogar dann!

Macht in dem Moment, um alles in der Welt, bloß das Richtige. „Alles in der Welt“ heißt in dem Fall: zu eurem dringend notwendigen Erhalt der Ruhe und des anhaltenden Seelenfriedens. Sei klug, mach aus dem direkten Frontalangriff eine win-win-situation.

Kurze Überlegung: welche Optionen bestehen:

  1. Desinteressiert irgend etwas kurz dahinsagen um Ruhe zu haben.

Ergebnis: Völliger Zusammenbruch der Romantikschiene bei der Herrin. Man kann es fast metallisch knacken hören! Sie mutiert auf der Stelle zum gemeinen Zankeisen. Alle Heiligen und die Familie anrufend, traktiert sie dich mit Vorwürfen aller Art und allen Alters. Üblicher Weise endet die Schimpftirade in sofort zu erledigenden Abreitsaufträgen. Wie der Zufall es will, meist sind es schwere und schmutzige Arbeiten, die man ewig vor sich her schob.

  1. Interessiert aufrichten, leichte Sabberpose einnehmen, Kopf anschrägen und den innerlichen Honigpinsel eintunken. Nach kurzem Überlegen genau auf die Situation eingehen und noch zwei, drei Kleckse Romantik draufwatschen. Kann ruhig viel sein. Keine Angst, zuviel geht nicht

Ergebnis: Sie liebt dich unendlich und schwelgt kurz mit dir in Erinnerungen (jetzt nicht nachlassen, irgendwas geht da noch!) Entweder setzt sie sich zu dir und kuschelt  (und vielleicht geht da jetzt sogar noch was mehr… ).

Oder sie geht weiter ihrem Krimskrams nach. Wenn das passiert, hast du auch gewonnen. Nun kannst du direkt die Früchte Deiner Arbeit pflücken. Du kannst den sauer erarbeiteten Lohn für deine kurzzeitige Entsagung intensiver Gedankengänge einstreichen. Sag einfach: „Ach Schatz bist du so lieb und bringst mir noch ein Bier, ja?“

Keine, wirklich keine Frau kann dir j e t z t diesen Wunsch abschlagen!

Arschkalt wieder heut morgen. Ab -12°C  hört ja wohl auch in der Großstadt aller Spaß auf.

Ich trete aus der Haustür und hauche den frischen, warmen Kaffeeduft aus meinem Mund kräftig in die Kaltluft. Und nicht nur den. Meist verbindet sich der Geruch vor mir irgendwo mit dem Tag und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Heute nicht. Gleich auf den ersten Zentimetern gefriert der losgewordene Mundfeuchtegeruch zu einem festen Zapfen. Und der bricht, sofort zu Eis gefroren, auf meine Füße. Wirklich.

Auf seinem Weg nach unten fährt er mir schnell nochmal in die Nase und erinnert mich intensiv daran, dass ich mir unbedingt die Zähne putzen sollte. Unten angekommen, zerspringt das Dufteis und bleibt für den Rest des Tages als Geruchsfilm auf meinen Füßen zurück. Innerlich fühlt sich das in etwa so an, als wäre man in einen frischen Haufen “Irgendwas” getreten.

Derweil frieren mir ganz schnell die Hände durch- noch bevor ich das Auto überhaupt erreiche. Von Scheibe frei ist da noch lange nicht die Rede. Überleben ist hier erst mal wichtig.

Ich habe soeben beschlossen, bei diesen menschlichen Extremsituationen mal wieder ein egomanisches Öko-Schwein zu sein.

Die Scheiben sind ja außerdem vor Kratzern zu schonen. Darum besprüh ich sie rundum reichlich mit dem verteufelten, blauen Scheiben- Entfroster. Dann krieche ich in den Wagen. Kurzes Gebet zur Batterieladung. Gaspedal tief runter- und den Schlüssel rumgedreht.

Hustend legt der Motor los. Einerseits klingt er lautstark belästigt, andererseits auch wieder rülpsend erfreut. Es ist wohl der technisch-vergnügliche Ausdruck dafür, dass die Abwrackprämie an ihm schadlos vorüber gegangen ist. Und das war gar nicht so selbstverständlich. Bevor unser Auto das erste Mal aus seinem Radio von dieser Art der neuzeitlichen Schrottgewinnung erfuhr, tat es eine Menge um ganz weit oben auf der Liste zu stehen.

Aber wir haben einander vergeben. Geld für ein Neues war eh nicht da.

Um meine mit diesem Sündenfall erworbene, schlechte Öko- Karma- Bilanz nun möglichst schnell aufzubessern, geh ich sofort wieder in die Küche. Hier zünde ich ein Duftstäbchen an und brühe mir einen Tee, und das geht so:

Zuerst am Besten still eine Naturmantra beten. Dann frische Ingwerwurzel schälen und etwa fünfzehn dünne Scheiben abschneiden. Mit frisch sprudelndem Wasser in einer Kanne aufgießen und in Ruhe mindestens 10 Minuten ziehen lassen. Leicht abgekühlt und lecker mit Honig versüßt, genieße ich den erwärmenden Tee. Dazu höre ich entspannende, indische Weltheilungs- Musik und esse ein bis zwei Reformhauskekse.

Somit fühle ich mich gleich viel wohler. Ich habe nun genug positive Energie und angegrünte Öko- Ausstrahlung für den Tag in mir.

Also geht es los, mit gereinigtem Gewissen raus in die Kälte.

Die Autoscheiben sind ja jetzt komplett frei. Tja dass nun die Karosse tropft, war nicht vorgesehen. Tja, da war der Motor wohl doch im Stand inzwischen ziemlich heiß gelaufen.

Es ist Februar und bitterkalt. Manchmal sogar unter null Grad. Sagt das Radio jedenfalls. Ich befinde mich seit Wochen in winterschlafartiger Schockstarre. Unterbrochen nur von unbedingt nötigen Gängen ins Freie. Die empfinde ich dann zumindest als Zumutung, bei längeren Außenaufenthalten denke ich an Nötigung. Es drängt mich in die Wohnung, wie die Urmenschen in ihre schützende Höhle.

Früher scharten sich im Winter alle um das Höhlenfeuer. Sie sahen verträumt in die Flammen, wärmten sich aneinander und warfen hin und wieder etwas Holz nach.

Dieses wunderbare, historische Erbgut haben großartige Menschen mit Kultursinn bis heute  bewahrt und entwickelt. Unermüdlich haben sie für ihre Mitbürger und Nachweltler neuartige, sichere Feuerstellen entwickelt, gebaut und getestet. Das ganze Jahr über arbeiten sie körperlich hart und machen sich in ihrer raren Freizeit krumm für ein bisschen Wärme im Winter. Unerschrocken sammeln sie Knüppel im Wald und schleppen das Holz im Schweiße ihres Angesichts auf dem Rücken heim. Dann schinden sie sich weiter. Charakterfest, immer das Ziel der lodernden, wärmenden Flamme vor Augen hacken, trocknen und stapeln diese bewundernswerten, fleißigen Menschen das ganze Jahr über Holz für den Winter.

Zu denen  gehöre ich nicht. Ich setz mich lieber mit zwei Pullovern und Ingwertee in meine Höhle und knips die Röhre an. Dann glotze ich hinein und überanstrenge mir praktisch ganz, ganz intensiv stundenlang meine Augen. Auch dabei kann man leiden. Das ist dann quasi ein dauerhafter Schmerzausgleich fürs Nichtsammeln, Nichtschleppen und gaaanz intensives Holzhackenseinlassen.

Aber das war mal. Glotze gucken ist bei uns heute was ganz anderes als früher. Zumindest seit Raimund bei uns war.

Eines Tages saß er zum ersten mal neben mir „in der Höhle“. Er folgte meinem Blick in die Ecke, wo das TV- Röhren- Feuer war. Entsetzt starrte er auf unser besonders altmodisches und kleines Feuer. Dann nahm er bedächtig seine große Brille ab, die er wohl beim Oceans- Filmdreh dem  Reuben Tishkoff vom Requisitentisch geklaut hatte. Zuerst beugte er sich weit vor, dann zu mir herüber und meinte: „Krass, das es so was noch gibt“. Nicht mehr. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Alles war in Ordnung. Röhrenfeuer war an und lief. Whisky gab´s auch einen dazu und fertig. Was also fehlte hier?

Tage später saß ich bei seinem Whisky in seiner Höhle vor dem Feuer. Und gar nichts war mehr gut.

DAS war ein Höhlenfeuer! Sein Feuer misst in der Diagonale ungefähr 42 Zoll und ist von hoher Bildbrillanz. Gekoppelt mit einem speicherfähigen Rechner der bequem über Funktatstatur angesteuert wird. Akustisch angeschlossen ist eine urgeile Teufel Sorround- Anlage. Er hob achtsam den Zeigefinger, nahm die Tastatur. Mit zwei Klicks war dort, wo eben noch das Fernsehbild lief, nun riesengroß das Internet –ich war platt.

Zwei Klicks weiter orderte er einen „Frauenlieblingsfilm“ und drückte auf Start.

Boah! Das Peitschen der Schüsse war nicht nur vor, sondern auch hinter mir derart intensiv zu hören, dass ich mich unwillkürlich duckte. Der tiefe Bass des Subwoofers ging bei den Explosionen bis in den Magen. Mir flogen die wenigen verbliebenen Haare nach hinten und ich bekam eine Weile keine Luft.

Mir schwirrte der Kopf. Die Gedanken sowas geht? und was kostet das denn? Wurden völlig überlagert vom überlauten MUSS ICH HABEN!!!

Kostete wirklich nur ein Appel und ein Ei. Seitdem habe ich mich in die neue Heizleistung unseres „Höhlenfeuers“ verliebt. Raimund hat es in nur 10 Tagen bei uns entzündet. Luxus pur.

Und ich habe dabei eine furiose Entdeckung gemacht: je größer das Höhlenfeuer, desto wärmender ist es für die Seele. So, Schluss jetzt, der Familienknecht muss nun: anheizen!

Die Lieblings -CD ist kaputt. Jetzt wirklich. Ein gemeiner Kratzer hat ihr den Garaus gemacht. Zuerst war nur ein Hacken an ein, zwei Stellen hörbar. Das hab ich mit CD-Reiniger und Polieren wegbekommen. Etwas. Bald kam es wieder, aber nun richtig. Wieder hoffen und polieren. Keine Chance, wollte wohl auf Rente das Ding. In diversen Geräten hoffend ausprobiert. Funktioniert auch dort nicht. So eine jammernde, elektronische Dauerschleife ist kein Genuss. Was soll´s, das Leben ist Veränderung. Opas Platten laufen heute auch nicht mehr. Jedenfalls bei uns. Obwohl, die Ella Fitzgerald- LP war ganz toll. War, jedenfalls bis sich die Nadel hörbar sehr tief in ihre Stimme eingefurcht hatte. Dann klang sie eher wie  Louis Armstrong.

Zuerst kam nun die Ex- Lieblings- CD wieder in den CD-Ständer. Dann dachte ich, es wäre ja Quatsch. Wozu, das bringt ja nichts. Also irgendwohin. Aber bitteschön pietätvoll- war schließlich die Lieblings- CD. Das Ganze muss schon Stil haben.

Aber wohin? Welches ist der angemessene Platz dafür? Nirgendwo liest man darüber etwas in Gebrauchsanweisungen der Musikindustrie oder Internet- Foren. Wie wird denn eine  Tonträgergeneration so mustergültig wie würdevoll zu Grabe getragen? Und wo, bitteschön,  ist das?

Am Innenspiegel des Auto? hab ich schon gesehen, kommt aber nicht in Frage! Das waren immer so bestimmte Autotypen und Fahrer. Als Vogelscheuchenzubehör gegen Stare? Alles keine Optionen. Was soll´s, dachte ich. Kurzerhand machte es knack und das ohnehin schon spröde Ding war in der Mitte durch. Sollte einfach in den Müll. Als kurz darauf mein Jüngster die Teile sah, fing er an zu weinen. Er hätte sie soo gern aufgehoben, ein selbstbemalter Kerzenständer für ein Teelicht hätte es werden können. Oder…

Bloß weg damit- nur nächstes Mal heimlich, sonst müllt man sich auch damit noch zu. Und wer hält es staubfrei? Der Familienknecht, wer sonst!

Bin ganz allein und kalte Angst eines Großstädters schleicht in mir hoch. Alles ist jetzt ganz ruhig und ich muss sehr, sehr konzentriert sein. Bis zum Ende, egal was kommt. Als Mann muss ich jetzt tun, was ein Mann tun muss. Leicht zusammengekauert, in völlig gespannter Körperhaltung kauere  ich, halb hockend, auf der Erde. Jeder Muskel meines gestählten Körpers ist zum Bersten angespannt. In jeder Hundertstelsekunde bin ich zum Sprung bereit. Leichte Schweißbildung auf den Poren meiner Haut wird sichtbar. Pures Adrenalin! Mein Hals ist zugeschnürt und das Herz schlägt fühlbar bis zum Kopf. Wahrscheinlich noch höher. Die Augen zusammengekniffen, beobachte ich das Geschehen vor mir.

Es ist Sonntag. Und es ist einer dieser Tage, die können ganz, ganz böse enden. Bis eben drangen noch schmerzhaft unterdrückte Stöhn- und Grunzlaute aus meinem Mund. Nun ist mir auch das unmöglich. Ich halte den Atem an. Gefühlte 11 Minuten schon. Die Welt ringsum verschwimmt langsam. Da ertönt der befürchtete Schrei und holt mich zurück.

Meine Frau, ich kann´s nicht glauben. Gerade jetzt! Genau genommen sitz ich im Wohnzimmer vor der Glotze, zweite Liga. Union Berlin führt in der 85. Minute 1:0 gegen Hertha BSC. Union, die Schlosserjungs aus Schöneweide gegen die Millionenschnösel vom Olympiastadion. Der schiere Wahnsinn in Stutzen und Töppen!

Da, schon wieder der grausige Schrei: „Papa, komm mal gleich“. „Mhhh!“, antwortete ich jetzt so interessiert und beschäftigt, wie nur irgend möglich. Vielleicht kann ich sie damit erst mal vom Gedanken  weg-, aber nicht sofort gegen mich aufbringen. Gelingt manchmal. Dann sieht sie was anderes und geht zum nächsten Thema über. Manchmal, aber heute ist Sonntag und es klappt natürlich nicht. Im Gegenteil. Lauter und nervender als zuvor ruft sie das eine Wort: „glaaeeich“!!

Wenn aus ihrem Mund ein: „glaaeeich“ mit soviel ahs und ehs kommt, meint sie sofort. Also auf der Stelle. Vielleicht ist´s ja nicht so schlimm, denke ich und bin wie Captain Picard in Blitzgeschwindigkeit gebeamt nebenan im Zimmer. Mama surft im Blogger-web und sagt: „Schau mal, hier ist echt was los. Was die hier so alles schreiben.“ Dann folgt ihrerseits gefühlte vier Minuten lang eine uninteressante, aber mögliche Themenaufzählung. Ich höre alles wie durch wabernde Nebel. Bin hier nur teilkörperlich anwesend. Mit der völligen Materialisierung hat es irgendwie nicht so richtig geklappt. Ohren und Hirn muss ich vor der Glotze vergessen haben, die liegen da noch so rum. Oder die kommen nach. Bloß nicht, denke ich. Dann will ich ja schon wieder drüben sein. Doch das Unheil nimmt seinen Lauf: „Schreib doch nebenbei auch mal so´n Blog, statt den ganzen Tag ab zu chillen“ sagt sie. Dann folgt die Anfangsfrage einer möglicherweise langen Diskussion nach einem passenden Thema für mich.

Jetzt muss ich den Bogen kriegen, sonst klappts nie. „Gute Idee, Schatz! Mein Thema hab ich schon“, sag ich strahlend. „Ich interessiere mich seit kurzem brennend für ein tiefenpsychologisches Thema, das die Gesellschaft angesichts verbreiteter Beziehungstaten immer wieder anrührt: unverhoffte familiäre Axtmorde“. Ich sehe noch wie sie etwas ungläubig staunt, als ich die beschleunigte Rückmaterialisierung meines Körpers zum Geist hin vollziehe.