Bin ganz allein und kalte Angst eines Großstädters schleicht in mir hoch. Alles ist jetzt ganz ruhig und ich muss sehr, sehr konzentriert sein. Bis zum Ende, egal was kommt. Als Mann muss ich jetzt tun, was ein Mann tun muss. Leicht zusammengekauert, in völlig gespannter Körperhaltung kauere  ich, halb hockend, auf der Erde. Jeder Muskel meines gestählten Körpers ist zum Bersten angespannt. In jeder Hundertstelsekunde bin ich zum Sprung bereit. Leichte Schweißbildung auf den Poren meiner Haut wird sichtbar. Pures Adrenalin! Mein Hals ist zugeschnürt und das Herz schlägt fühlbar bis zum Kopf. Wahrscheinlich noch höher. Die Augen zusammengekniffen, beobachte ich das Geschehen vor mir.

Es ist Sonntag. Und es ist einer dieser Tage, die können ganz, ganz böse enden. Bis eben drangen noch schmerzhaft unterdrückte Stöhn- und Grunzlaute aus meinem Mund. Nun ist mir auch das unmöglich. Ich halte den Atem an. Gefühlte 11 Minuten schon. Die Welt ringsum verschwimmt langsam. Da ertönt der befürchtete Schrei und holt mich zurück.

Meine Frau, ich kann´s nicht glauben. Gerade jetzt! Genau genommen sitz ich im Wohnzimmer vor der Glotze, zweite Liga. Union Berlin führt in der 85. Minute 1:0 gegen Hertha BSC. Union, die Schlosserjungs aus Schöneweide gegen die Millionenschnösel vom Olympiastadion. Der schiere Wahnsinn in Stutzen und Töppen!

Da, schon wieder der grausige Schrei: „Papa, komm mal gleich“. „Mhhh!“, antwortete ich jetzt so interessiert und beschäftigt, wie nur irgend möglich. Vielleicht kann ich sie damit erst mal vom Gedanken  weg-, aber nicht sofort gegen mich aufbringen. Gelingt manchmal. Dann sieht sie was anderes und geht zum nächsten Thema über. Manchmal, aber heute ist Sonntag und es klappt natürlich nicht. Im Gegenteil. Lauter und nervender als zuvor ruft sie das eine Wort: „glaaeeich“!!

Wenn aus ihrem Mund ein: „glaaeeich“ mit soviel ahs und ehs kommt, meint sie sofort. Also auf der Stelle. Vielleicht ist´s ja nicht so schlimm, denke ich und bin wie Captain Picard in Blitzgeschwindigkeit gebeamt nebenan im Zimmer. Mama surft im Blogger-web und sagt: „Schau mal, hier ist echt was los. Was die hier so alles schreiben.“ Dann folgt ihrerseits gefühlte vier Minuten lang eine uninteressante, aber mögliche Themenaufzählung. Ich höre alles wie durch wabernde Nebel. Bin hier nur teilkörperlich anwesend. Mit der völligen Materialisierung hat es irgendwie nicht so richtig geklappt. Ohren und Hirn muss ich vor der Glotze vergessen haben, die liegen da noch so rum. Oder die kommen nach. Bloß nicht, denke ich. Dann will ich ja schon wieder drüben sein. Doch das Unheil nimmt seinen Lauf: „Schreib doch nebenbei auch mal so´n Blog, statt den ganzen Tag ab zu chillen“ sagt sie. Dann folgt die Anfangsfrage einer möglicherweise langen Diskussion nach einem passenden Thema für mich.

Jetzt muss ich den Bogen kriegen, sonst klappts nie. „Gute Idee, Schatz! Mein Thema hab ich schon“, sag ich strahlend. „Ich interessiere mich seit kurzem brennend für ein tiefenpsychologisches Thema, das die Gesellschaft angesichts verbreiteter Beziehungstaten immer wieder anrührt: unverhoffte familiäre Axtmorde“. Ich sehe noch wie sie etwas ungläubig staunt, als ich die beschleunigte Rückmaterialisierung meines Körpers zum Geist hin vollziehe.