Bei manchen Jobangeboten denkt man sofort: „wow, will ich haben“.
Wie der von der Agentur, die unbedingt “a.s.a.p.” einen hochqualifizierten und international erfahrenen Mitarbeiter in Berlin sucht.
Inseriert wurde natürlich in ausgesuchtem Marketing-Denglisch. Aber was die dafür alles bieten! Telefonisch angefragt, gab man mir sofort einen Vorstellungstermin. Heute noch! Hätte mich stutzig machen sollen. Eigentlich wollte ich das Bewerben nur mal für den Ernstfall trainieren.
Egal, Termin steht, turbo jetzt! Hund suchen und Gassi gehen, rasieren, umziehen, fertig und los.

Nicht einfach zu finden. Gegend sieht eher nicht nach Prosperität aus. Jedenfalls nicht nach 1945. Zweiter Hinterhof, Seitenflügel 5. Etage. Ungepflegter Industriealtbau ohne Fahrstuhl.

Uralte Einschusslöcher in der Fassade projizieren sofort Häuserkampfszenarien in meinen Kopf. Wahrscheinlich stürmten gerade erst Rotarmisten die Treppe rauf. Einer warf schnell noch eine Handgranate auf die hölzerne Notdurft hinten im Hof. Wird ein Ästhet gewesen sein, der Soldat. Ich wundere mich nur, dass der Anblick damals schon so störte. Seitdem hatte sich wohl niemand getraut, die Reste wegzuräumen.

Was man nicht ändern kann, soll man zum Prinzip erheben.
So wurden die Bedürfnisanstaltstrümmer zum heimischen Kriegsdenkmal gleich nebenan. Nachkriegsnutzer hatten die Stätte zusätzlich mit persönlichen Gaben bedeckt.
Was halt so da war und nicht mehr gebraucht wurde…

Egal, denke ich, muss ja innen nicht schlecht sein. Die Firma inserierte als „ein erfolgreiches, international agierendes Start-up–Unternehmen“. Jeder fängt ja mal klein an. Für weitere Recherche war vorher einfach keine Zeit mehr, also rein.

Im Treppenhaus ist es dunkel.
Sicher hatten die gemeinen Bolschewiken auch die Lampen zerschossen oder als Reparation mitgenommen. Wer weiß, was hier noch alles so passiert ist, damals.
Sie müssen ganz schrecklich gewütet haben, diese Russen. Man merkt das daran, dass die Katzen noch in der heutigen Generation vor Angst hier in die Ecken machen.

Altdeutsche Gewerbetreppenstufen nehmen mir ab der zweiten Etage den Atem. Dafür ist meine Nase nun wieder dankbar. Ab der vierten vernebeln sie die Sicht. Komme blutleer oben an. Mein roter Lebenssaft ist komplett ins Gesicht gewandert, aus den Beinen jedenfalls ist er völlig raus.

Bin oben. Und fertig. Hinter einer verbeulten, offenen Blechtür vermute ich so was wie einen Empfang. Erst mal kann ich es nur riechen. Aus Opas ausgemusterten Beamtenschreibtisch im Keller kam lange so ein Geruch. Selbst nach 30 Jahren. Hier ist es genauso. Nur viel, viel stärker.

Mein Tatendrang ist derweil ungebrochen. Noch weiß ich ja nicht, dass ich soeben den angenehmsten und sympathischsten Teil hinter mich brachte…