Da, ein Tresen! Oder so. Dahinter Chaos, Kartons, Leitungen, Geräte und vieeel Papier. Eine  Frauenstimme telefoniert schnippisch.

Die pflegen hier technische Historie, denke ich, und erkenne ein altes, braune Tastentelefon wieder. Mit seinem Verleih hatte sich der rosa Riese vor Jahrzehnten dumm und doof verdient.

Der Hörer hing bei der Frauenstimme irgendwie in der Schulter. Am anderen Ende vermutete ich einen Kunden. Sie fertigte ihn ab. Ihre Worte wiederzugeben nähmen mir die Chance für eine unglaubliche, selbständige Geschichte. Mehr als das.

War auch kein Telefongespräch, mehr ein Gezänkmonolog. Dabei stopft sie einzelne Papierseiten in ein Faxgerät und kämpft dabei mit dem Qualm ihrer Fluppe. Bin im technischen Mittelalter, denke ich. Angesichts elektronischer Sicherheitsmails und kryptischer Verschlüsselung ballert sie hier Holzfällerarbeit durch das Gerät. Muss ein langer Vertrag sein. Viele Seiten, und viel Qualm dringt in ihre Augen. Sie rollt die Kippe zwischen den Lippen hin und her. Stimmlich pendelt sie zwischen Stinkwut und Erbrechen.

Jobbende Schauspielstudentin, schätze ich. Die übt in jeder freien Minute: Mimik, Tonfalländerungen, manischer Tick und mehr.

Prima, denk ich, das gibt erst mal Zeit. Meine Sichtlinse klart auf, pfeifende Brustatmung bleibt. Ich habe zunehmende Detailsicht! Alles hier sieht nach wilder Mischung aus. Die Decke war hell. Allerdings zu der Zeit, als Kriegsgefangene mit Quast und Kreide weißen mussten. Der Boden wurde früher, als er noch vollflächig war, von Linoleum geschützt. In den Belagslöchern hatte sich inzwischen der wahre Boden der Geschichte festgesetzt.

Was hier rumsteht und normalerweise Einrichtung heißt, ist der Hammer!

Herr haben-wir-gerade-billig-gekriegt war der Einkaufsberater. Dazu kamen hatten-wir-eh-noch-da und haben-uns-die-Nachbarn-dagelassen. Der verbindende Rest wurde vom betagten Opa des Jungunternehmers in Eigenbau gefertigt. Dabei lag seine Brille daheim auf dem Küchentisch. Genauso wie Wasserwaage, Farbe und Augenmaß. Letzte Unebenheiten werden unter Staubschichten verborgen.

Wie sagt mein Freund Raimund:

„wenn’s gut läuft, kann man´s ruhig zeigen!“

Empfangskraft hat fertig. Sie pustet hustend die gefallene Asche in das Fax und kommt zu mir. Dabei achtet sie intensiv auf den geübten, provozierend aufreizenden Gang der Aktrice. Mehr als auf die, sagen wir mal wohlmeinend: Möbel.

Da stößt sie sich heftig an einer roh abgesägten Tischecke. So begrüßt sie mich mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem lauten: „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“. Würde es ihr auch nur ansatzweise so weh tun, wie meinem Ohr, müsste sie ein Unfallprotokoll ausfüllen. Hoffentlich bekomme ich keinen Hörsturz. Da beginnt es im Kopf auch schon zu pfeifen. Sie reibt begutachtend ihre Hüfte. Meine Ohren empfangen ein hingeworfenes „und?“.

Aha- Ansprache. Stelle mich höflich vor und bemerke, dass ich um 11 Uhr den Termin bei Herrn von Schattelberg habe. Es ist 10:55. Bedauernd, bemerke ich, dass es mir leid täte, dass sie sich den Schmerz zuzog. Vielleicht wird sie meine Kollegin, da sollte man sich schon etwas Mühe geben. Sie antwortet mir ebenso laut wie vorhin: „ach Scheiße!“. Okay, denke ich, wenigstens probiert. Sie dreht ab und geht nach hinten zum Fenster. Nebenbei nuschelt sie: „Chef is noch nisch da- kanns aba waten“. Hm, ich denke an den Lehrplan für Schauspieler: logopädische Übungen kommen erst im nächsten Semester.

Stühle sind nicht da, eine Warteecke fehlt, also bleibe ich am Tresen stehen.

„Waaaten!“ quäkt sie genervt und weist mit dem Kopf unmissverständlich zum dunklen Geruchscontainer mit Treppe hinter der Blechtür. Die Art der Aufforderung ließ erkennen, dass das Fach Gestik schon dran war. Also zweifelte ich nicht an ihrem Wunsch.

Warten, in dem Treppenhaus- ich glaub´s ja wohl nicht!! Wie ich mich noch zweifelnd am Tresen sehe, höre ich mich auch schon kleinlaut sagen: „ja, gut, dann warte ich halt draußen…“

Ich schaue ihr nach und nehme mir nicht ohne Rachegedanken vor, sie später einmal zu beschreiben. Und sie soll sich dann ruhig erkennen. Ich schick es ihr per Fax!