Archive for März, 2011

Hirnforschung ist ein weites und interessantes Feld. Sie gewinnt seit vielen Jahren stets an Bedeutung. Leider sind ihre wunderbaren Erfolge noch nicht jedem zugänglich. Und wenn ja, also wenn man sich mal so richtig in die Thematik reinliest, bleiben die Inhalte und richtigen Schlussfolgerungen den meisten Menschen trotzdem verborgen. So wie mir.

Die in der Hirnforschung anerkannten, ethischen Prinzipien der Autonomie und des Nichtschädigens hab ich leider mit Füßen getreten. Nicht, dass ich mich irgendwie daran beteiligte. Bewahre!

Von allen Dingen die irgendwie mit Hirn zu tun haben, bin ich ja sowas von dermaßen weit weg. Ich habe vielmehr das Wesen der Hirnforschung als Ganzes ignoriert.

Sitze darum seit drei Stunden im Keller und fühle mich besonders hirnleer.

Meine praktizierte Verfahrensweise brachte mich in eine, sagen wir, gewisse ethisch-rechtliche Konfliktsituation. Man könnte formulieren: die große Klappe vor dem Denkprozess hat mich mitten ins Desaster geführt. Aber das wäre eine unwissenschaftliche Formulierung und gehört nicht hierher.

Unbedachtheit ließ mich am Frühstückstisch festlegen, dass die Winterzeit vorbei sei und nun wieder die Räder benutzt werden. Gilt ab sofort für den Schulweg! Also nicht für mich. Die Bildungsverweigerer sollten gleich heute beginnen.

Schluss mit Autofahren! Also auch nicht für mich.

Die Begeisterung der Kinder fand keine Worte und blieb darum erstmal ganz aus.

Heulend und mit abgesprungener Kette stand aber der Milchzahnträger bald wieder vor mir und sagte trotzig, er käme nur zu spät zur Schule, weil ich zu faul wäre, ihn zu fahren. Dauernd würde die Kette abspringen, das wäre schon so oft passiert, aber ich würde ja nie zuhören und nix machen…

Aha, die gemeine Rache des Kleinfüßigen bestand also darin, mir fehlende Wartung vorzuwerfen! Na warte, dachte ich, da will ich mir jetzt aber auch mal was ganz Kluges überlegen. In diesem Moment hörte ich mich leider schon vor dem eben erst geplanten Hirneinsatz prahlen:

Hoho, Kette sei doch gar kein Problem, Pipileicht zu machen, hab ich schon im Kindergarten immer gaanz allein repariert, meine Kette…

„Na dann viel Spaß, das gucke ich mir aber nachher an“, sagte der Grundschullümmel und stapfte wütend zu Fuß los.

Oh ja, Kinder lernen sehr schnell aus Erfahrungen. Viele Kinder messen ihre Vollversorger darum nur noch an deren Taten. Ich finde ja, das ist eine sehr einseitige Betrachtungsweise der Komplexproblemnegierer. Und leider läßt mich genau diese Betrachtung gelegentlich in einem etwas ungünstigen Licht erscheinen.

Aber frisch ans Werk: Reparieren dauerte nur drei Minuten: Rad umdrehen, Muttern lösen, Hinterrad spannen und justieren, Schrauben fest, fertig!

Jaa, schon erstaunlich, was vor dreißig Jahren alles so ging mit den Rädern! Damals.

Heute musste ich direkt nach dem Rad umdrehen sofort an der doppelt fixierten Nabenschaltungsaufhängung kapitulieren.

Keine Ahnung, wie ich das alles erst ab, dann gespannt und später wieder fest bekommen soll. Nix mit „schnell mal“.

Sitze nun seit Stunden und versuche zu erinnern, was bei Hirnforschung über Problemlösung stand. Werde weiter überlegen.

Da, ein Tresen! Oder so. Dahinter Chaos, Kartons, Leitungen, Geräte und vieeel Papier. Eine  Frauenstimme telefoniert schnippisch.

Die pflegen hier technische Historie, denke ich, und erkenne ein altes, braune Tastentelefon wieder. Mit seinem Verleih hatte sich der rosa Riese vor Jahrzehnten dumm und doof verdient.

Der Hörer hing bei der Frauenstimme irgendwie in der Schulter. Am anderen Ende vermutete ich einen Kunden. Sie fertigte ihn ab. Ihre Worte wiederzugeben nähmen mir die Chance für eine unglaubliche, selbständige Geschichte. Mehr als das.

War auch kein Telefongespräch, mehr ein Gezänkmonolog. Dabei stopft sie einzelne Papierseiten in ein Faxgerät und kämpft dabei mit dem Qualm ihrer Fluppe. Bin im technischen Mittelalter, denke ich. Angesichts elektronischer Sicherheitsmails und kryptischer Verschlüsselung ballert sie hier Holzfällerarbeit durch das Gerät. Muss ein langer Vertrag sein. Viele Seiten, und viel Qualm dringt in ihre Augen. Sie rollt die Kippe zwischen den Lippen hin und her. Stimmlich pendelt sie zwischen Stinkwut und Erbrechen.

Jobbende Schauspielstudentin, schätze ich. Die übt in jeder freien Minute: Mimik, Tonfalländerungen, manischer Tick und mehr.

Prima, denk ich, das gibt erst mal Zeit. Meine Sichtlinse klart auf, pfeifende Brustatmung bleibt. Ich habe zunehmende Detailsicht! Alles hier sieht nach wilder Mischung aus. Die Decke war hell. Allerdings zu der Zeit, als Kriegsgefangene mit Quast und Kreide weißen mussten. Der Boden wurde früher, als er noch vollflächig war, von Linoleum geschützt. In den Belagslöchern hatte sich inzwischen der wahre Boden der Geschichte festgesetzt.

Was hier rumsteht und normalerweise Einrichtung heißt, ist der Hammer!

Herr haben-wir-gerade-billig-gekriegt war der Einkaufsberater. Dazu kamen hatten-wir-eh-noch-da und haben-uns-die-Nachbarn-dagelassen. Der verbindende Rest wurde vom betagten Opa des Jungunternehmers in Eigenbau gefertigt. Dabei lag seine Brille daheim auf dem Küchentisch. Genauso wie Wasserwaage, Farbe und Augenmaß. Letzte Unebenheiten werden unter Staubschichten verborgen.

Wie sagt mein Freund Raimund:

„wenn’s gut läuft, kann man´s ruhig zeigen!“

Empfangskraft hat fertig. Sie pustet hustend die gefallene Asche in das Fax und kommt zu mir. Dabei achtet sie intensiv auf den geübten, provozierend aufreizenden Gang der Aktrice. Mehr als auf die, sagen wir mal wohlmeinend: Möbel.

Da stößt sie sich heftig an einer roh abgesägten Tischecke. So begrüßt sie mich mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem lauten: „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“. Würde es ihr auch nur ansatzweise so weh tun, wie meinem Ohr, müsste sie ein Unfallprotokoll ausfüllen. Hoffentlich bekomme ich keinen Hörsturz. Da beginnt es im Kopf auch schon zu pfeifen. Sie reibt begutachtend ihre Hüfte. Meine Ohren empfangen ein hingeworfenes „und?“.

Aha- Ansprache. Stelle mich höflich vor und bemerke, dass ich um 11 Uhr den Termin bei Herrn von Schattelberg habe. Es ist 10:55. Bedauernd, bemerke ich, dass es mir leid täte, dass sie sich den Schmerz zuzog. Vielleicht wird sie meine Kollegin, da sollte man sich schon etwas Mühe geben. Sie antwortet mir ebenso laut wie vorhin: „ach Scheiße!“. Okay, denke ich, wenigstens probiert. Sie dreht ab und geht nach hinten zum Fenster. Nebenbei nuschelt sie: „Chef is noch nisch da- kanns aba waten“. Hm, ich denke an den Lehrplan für Schauspieler: logopädische Übungen kommen erst im nächsten Semester.

Stühle sind nicht da, eine Warteecke fehlt, also bleibe ich am Tresen stehen.

„Waaaten!“ quäkt sie genervt und weist mit dem Kopf unmissverständlich zum dunklen Geruchscontainer mit Treppe hinter der Blechtür. Die Art der Aufforderung ließ erkennen, dass das Fach Gestik schon dran war. Also zweifelte ich nicht an ihrem Wunsch.

Warten, in dem Treppenhaus- ich glaub´s ja wohl nicht!! Wie ich mich noch zweifelnd am Tresen sehe, höre ich mich auch schon kleinlaut sagen: „ja, gut, dann warte ich halt draußen…“

Ich schaue ihr nach und nehme mir nicht ohne Rachegedanken vor, sie später einmal zu beschreiben. Und sie soll sich dann ruhig erkennen. Ich schick es ihr per Fax!

Den Frühling nehmen ortsansässige Tauben, Krähen und Elstern gern zum Anlass, die Anlieger etwas früher über den bevorstehenden Sonnenaufgang zu informieren. So ab halb vier. Das freche Federvieh hat einen Baum in der Nähe unseres Schlafzimmers als Thron und Zankapfel auserkoren. Lauthals wird der ergatterte Revierplatz in alle Richtungen annonciert und verteidigt. Welcher Luftschreier auch immer seine Klauen um die Zweige krallt, fliegt nicht freiwillig wieder fort. Mit viel Gekreisch und Gezeter wird er vom Nächst größeren Flugsubjekt vertrieben. Oder von mehreren. Auch ab Sonnenaufgang.

Dagegen muss man was tun. Dringend.

Also Männersache. Treffen um 1800 bei den Garagen. Jeder bringt vorsichtshalber eine Herrenhandtasche mit. Manni außerdem seine alte Knicker. Sicher verpackt in einer abgeschlossenen Kiste. Wir sahen uns an. Gute Idee! Wirksam.
A B E R : wer von uns sollte schon so früh halbwegs ruhig zielen können? Und wer, bitteschön, räumt gleich noch im Morgengrauen die krepierten Viecher weg, bevor die Kinder über die Haustürschwelle geschubst werden? Also anders. Irgendwie.
Was haben wir inzwischen nicht alles probiert: Vogelscheuche, Silberbänder in den Baum gehängt. Selbst eine nachts angebundene Katze hielt den Krach nicht aus und hat sich davon gemacht.

Wir treffen uns jetzt öfter und sind besser organisiert. Keine Herrenhandtaschen mehr, die Garagenlogistik steht. Fast jeder hat eine Kiste Hopfenblütentee im Kofferraum und etwas zu knabbern. Meist sind wir in Mannis Garage, da steht noch der ausrangierte Fernseher. Den haben wir kurzerhand in Betrieb genommen, für Nachrichten, Katastrophenmeldungen oder Fussball. Man kann ja nie wissen…

Klar testen wir gegen die Vögel weiter. Holger hat kräftige Steinwürfe aus dem Küchenfenster probiert. Hat aber schnell aufgehört, als es hinterm Baum klirrte. Aber er ist lernfähig. Gestern warf er mit der Katze. Die hielt die Zweige vogelfrei. Zumindest solange sie sich verzweifelt gegen den Absturz mühte. War auch nicht leiser. Danach kam gleich eine Flugratte und gurrte aufgeregt ein Viertelstündchen.

Das treibt einen echt früh aus dem Bett. Also um das Fenster zu schließen. Davon bin ich dann so müde, dass ich den vorsichtshalber den Wecker ausdrücke. Zum Glück muss der Hund irgendwann raus. Vormittags.

Da die Nächte wieder kürzer werden treibt mich die präsenile Bettflucht vom Laken. Vor allem die Hand, die maßgeblich von ihr geführt wird. Also nicht meine. Sagt ja schon der Name.

Ich könnte ja noch so was von liegen bleiben! Da bin ich hart im Nehmen und halte zur Not auch mächtige Liegeschmerzen aus. Weit, weit über das Normale hinaus. Nur Liegeschmerzen- aber dafür richtig. Das könnte ich sogar ohne Tabletten hinziehen. Meinetwegen bis ein Arzt kommt und eine glattgelegene Wirbelsäule diagnostiziert!

Kann ich aber nicht. Da ist noch immer die Hand. Und ein kräftiger Ellenbogen dran, der jetzt mit hoher Frequenz und steigender Amplitude unaufhörlich in meine Rippen drischt.

„Auf jetzt!“ schallt es unnachgiebig von der gewaltbereiten Aufsteherfront neben mir. Ich muss los, Kaffee kochen, Stullen schmieren.

Wie nebenbei mutiert die Herrin am Frühstückstisch zum flügelschlagenden Gackerhuhn: „was ich mir überlegt habe: das Bad muss jetzt mal gemacht werden.“

„???“

„Die Fliesen sehen dermaßen schlimm aus, das es sogar ohne Familienknecht peinlich ist.“ Ich fand zwar rosa Fliesen schon beim Einzug unzeitgemäß, aber gerade jetzt? Während ich mit dem vor Schreck offenen Mund noch nach einer Verteidigungslösung sinne, sticht sie final  zu:

„Kümmre dich mal gleich darum, das wir da auch zügig fertig werden. Bis Ostern kriegst du  das ja wohl hin. Und mach den Mund zu beim Essen- was sollen denn die Kinder lernen?!“

Ich kann ja einiges. Manches auch besonders gut: essen, schlafen, Bier trinken, Fußball gucken, und dann noch essen, schlafen….

Fliesen verlegen gehört da leider gar nicht dazu. Das kann ich nicht mal “nur nicht so gut”. Sondern so richtig gar nicht. So sehr gar nicht, dass selbst fachliche Überwachung dabei unnütz wäre. Hab ich auch gar nicht das Werkzeug zu… Also muss wohl heimlich ein Helfer zum Fliesen verlegen rangeholt werden.

Denn ein Selbstversuch vor Jahren hatte mir gereicht. Direkt nach der ersten Frage des Fliesenmarktberaters folgte mein fachlich-mentaler Blackout: „Was haben sie denn am Boden, Zement- oder  Anhydritestrich mit Alkydharzversiegelung?“ In dem Moment wusste ich: Bad ist nicht deine Baustelle! Kümmern heißt ja nicht automatisch selbst machen.

Okay, wer Ärger mit der Knechterin vermeiden will, sollte sich Hilfe holen. Wer will einen ungeliebten Job jedes Frühjahr wieder machen, nur weil ein bisschen Zeug von der Wand fällt? Im web finden sich so tolle Ideen. Meist sind sogar Leute darunter, die davon was verstehen. Muss man einfach nur gut aussuchen.

Schließlich hat ein Familienknecht eben auch einen guten Ruf als termintreuer Realisierer zu verteidigen.

Ostern, pah, aber locker schaff ich das!

Kurztext- Dresche bezogen

Dass ein Familienknecht gelegentlich Dresche bezieht, ist nichts Neues.

Schön ist´s zu wissen, wem man seinen Rücken hinhält. Schließlich kann ja nicht jeder.

So mögen einige seine Texte und können nicht genug bekommen vom Familienknecht. Sie empfinden Lesevergnügen.

Manche meinen sogar, sie bekämen manchmal beim Lesen Kopfkino. Das schmeichelt.

Anderen wieder ist es einfach lang. Alles zu Sülz und in epischer Breite gekleckert. Lieber zackige Comedy!

Es fällt eben nicht leicht, das Leben in wenige Zeilen zu pressen. Die reinigende Wirkung der Öffnung für den Autor setzt halt nicht sofort beim ersten Buchstaben ein.

Also lest gefälligst weiter!