Archive for Dezember, 2011

Sitze im Wohlfühlzimmer und freue mich. Freue mich so sehr, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich es machen soll, vor lauter Freude.

Schwarze Katzen sollen ja Glück bringen. Streichle darum eine gelangweilt neben mir liegende, fette schwarze Gastkatze. Erst am Rücken, dann am Bauch. Die mag das nicht, dreht sich blitzschnell um und hackt ihre Fangzähne kurz in meine Hand. Genau da, wo noch kein Verband ist.

Es ist das Dritte oder vierte mal heut, dass mich eins der lieben Tiere bedenkt. Zum Glück traf es keine Ader und darum blutet es nicht sehr schlimm.

Die Miez ist sauer, weil sie den Silvesterabend hier mit mir und ohne ihr Frauchen verbringen muss.

Fragt mich einer? Hilft einer dem Familienknecht?

Natürlich hab ich das nicht gewollt, und bin wie immer schuldlos da rein geraten.

Die Knechterin ist in der Nachbarschaft bekannt als fleischgewordene Tierliebe. Während einiger Gespäche hat sie die armen Tiere bedauert, die zu Silvester von den Menschen mit Knallereien gequält werden.

Großmütig bot sie seit Wochen Aufnahme und Betreuung verschiedener Tiere am letzten Tag des Jahres an. Wohl wissend, dass ihr Familienknecht keinesfalls zur Silvesterfeier ihrer Freundinnen gehen würde.

Sie hatte nämlich bei der innerfamiliären Partyverlosung das große Los gezogen. Hätte ich gewonnen, wäre wahrscheinlich sie zu Haus geblieben, aber so muss ich den Herbergsvater und Dosenöffner geben.

Zweimal Dinner for one hatte ich schon und auch zweimal großes Katzengeschäft auf dem Streuklo. Toll, beides direkt vor meinem Abendessen…

Aber nächstes Jahr- ich schwör´s Euch- nächstes Jahr wird alles besser.

Ich hab noch keine Ahnung, was ich alles anders machen werde, aber es wird mein Jahr –das Beste bisher!

Ich rufe es also ganz öffentlich aus: das Jahr des Familienknechts!

Vielfach hört man in dieser Zeit nicht mehr davon reden, wie fröhlich das Weihnachtsfest war, wie sehr man doch die Ankunft des Kindlein erwartet und wie glücklich man in der Kirche den Segen empfangen hatte.

Meist wird der Familienknecht genötigt über die Pein seiner vielfachen und umfänglichen Leibesfüllungen zu berichten:

„Was gab´s denn bei Euch an Heilig Abend- und am ersten und zweiten Feiertag?“

Wer möchte dabei schon einfache Gerichte benennen und so alle Gourmetreputation im Ansatz verspielen?

Traut sich das noch einer?

Selbst der vollgefressenste Popanz, der immer nur als gieriger Gourmand unterwegs ist, lässt sich da schnell noch etwas einfallen…

Aber nicht nur der, sondern auch der ehrbare Bürger. Und so habe ich auch in diesem Jahr wieder eine handvoll Gerichte aus einem Feinschmeckerbuch auswendig gelernt und mir angeschaut, wie man so was machen müsste, wenn man es denn wollte und könnte.

Also nicht mit Hintergedanken, sondern nur so -zur Notwehr praktisch.

Was war es aber nicht wieder für ein üppiges Fest. Tante Ortrud sorgte andauernd für wenig Bewegung, pünktliches Einhalten der Mahlzeiten mit viel Naschereien zwischendurch. Und reichlich Kuchen –aber um Himmels Willen nie ohne Sahne.

Kennt das noch einer- dieses üble Gefühl, wenn man einfach nichts mehr essen kann.

Rien ne va plus !

Was hilft dem gemeinen Hausknecht gegen seinen Magendruck – ausser viel Essen und Schnaps, wie die Tante meint?

Warten auf Aschermittwoch- und dann aber richtig fasten!

Eigentlich ist es jedes Jahr da Gleiche: man nähert sich dem 24. des letzten Monats und hat doch keine Ahnung, was man der buckligen Verwandtschaft gefahrlos schenken kann.

Klar, Onkel Edwin freut sich auch dieses Jahr wieder über die Flasche guten Whiskey und die freche Nichte Chinill bekommt einen Schein zugesteckt. Besser kann sie es gar nicht abfassen.

Bleiben noch die Traditionalisten.

Besonders meine ebenso fleischgewordene wie  überraschungssüchtig- traditionalistische Tante Ortrud. Sie besteht seit jeher lauthals und sehr offen auf einer ganz gewaltigen Überraschung unterm Tannenbaum. Es schickt sich einfach nicht, der Tante so profane Fragen zu stellen, was sie sich denn nun vom Christkind wünscht…

Sie würde es als persönlichen Angriff auf den Weihnachtsgedanken im Allgemeinen und ihren guten Geschmack im Besonderen sehen und nicht zuletzt als abscheulichen Akt gemeiner Weihnachtsbarbarei verurteilen.

Und dann würde sie mit Zeter und Mordio die Kübel der Unglaublichkeit mit all seiner Weltempörung über der ganzen Verwandtschaft und Bekanntschaft ausgießen.

Das kann so kurz vor Weihnachten keiner gebrauchen. Schon gar nicht wenn sich Tantchen zum Fest selbst eingeladen hat. Da hängt die Latte schon ganz schön hoch. Da spürt man sofort einen kalten Hauch im Nacken, als wenn die ganze Welt einen anstarrt und hämisch fragt: und, was schenkst du ihr nun?

Um hinterrücks schon darüber zu spekulieren, wie vernichtend Tante Ortruds Urteil diesmal ausfällt.

Und ganz plötzlich merke ich den kalten Schweiß wirklich: was schenken wir der Tante?!

Eigentlich haben wir alles, was wir so brauchen.

Gut, ein  paar Wünsche wären da noch:

eine Gehwegheizung für den Winter, ausreichend Streusalz, ein automatischer Swimmingpoolsauger oder ein Schmuckhalter, der die Tonnen des echten Goldschmucks der Knechterin aufnimmt. Das wären noch so Sachen die wir noch mitnehmen könnten. Aber sonst? Hmm ein Segeltörn entlang den Seychellen wäre auch ganz nett! ;-) Aber nun gut nicht alle Wünsche sind so einfach zu erfüllen. Aber, ich hatte auch echt keine Lust durch den Regen zu stapfen.

„Nix da“, sagte die Knechterin, „wenn verkaufsoffener Sonntag ist und alle gehen da hin, dann machen wir das auch. Also auf jetzt, Familie“.

Und es war wie immer: erst standen wir mit allen im Stau um in die große Stadt Berlin hineinzufahren. Aber dann!

…dann bogen wir mit allen gaaanz langsam in die Schleife ein, auf der alle anderen auch tuckerten um nach einem Parkplatz Ausschau zu halten.

Kurzer Ärger, dass ich nicht dieses verkorkste, vielsaufende, kleine Uhren-Auto habe, das man zur Not auch quer zur Fahrbahn stellen kann.

Aber wenn man im eigenen Wagen mit dem Kopf nicht an den Himmel stößt, ist´s auch wieder schnell gut.

Irgendwann war es dann geschafft und wir schoben uns mit dampfenden, grölenden und greinenden Menschenmassen in irgend eine fremdbestimmte Richtung durch den Einkaufstempel.

Frauen neigen dazu, an solchen Tagen all das anzusehen und anzuprobieren, was sie schon immer mal näher befühlen wollen aber am Ende doch nicht kaufen.

Kurz gesagt: die Knechterin lebte sich endlich mal wieder so richtig aus.

Und warum? Um mich zu ärgern? neiin!

Nur um mir zu zeigen, was ihr alles so unter den Baum zu legen gehört. Weiß ich doch längst, nin ja nicht von gestern.

Ein Glück, dass ich ein neues Handy habe, mit dem ich mich zum Schein ausgiebig beschäftigen konnte. Klar, dass ich mit der Handykamera alles hübsch aufgenommen habe.

Nicht, dass mich wirklich interessierte, in was die Knechterin sich so reinzwängte. Ich tat es, um es der Verkäuferin später ganz genau zeigen zu können, was ich haben will. So kann ich sie konkret in die Spur bringen und dabei jede Menge Zeit und Verzweiflung sparen.

Es lebe die Technik! Weihnachten wird nämlich viel früher entschieden.

Vier Uhr dreißig, ich war viel zu unruhig und konnte trotz Schlaftabletten längst nicht mehr schlafen.

Zu sehr wühlt es in meiner Schriftstellerseele und drängt mit Macht hinaus. Hinaus aus meinem Inneren in die Freiheit.

Sitze darum längst am Rechner und hämmere die Buchstaben nur so hinein. Wenn ich nur schneller schreiben könnte!

Ich will- ich muss unbedingt fertig werden mit dieser einen Geschichte. Lange, bevor der Morgen meine Familie weckt und mich der harte Alltag wieder einholt…

Ach ja, es wäre so schön, Schriftsteller zu sein. Und wovon man da nicht alles träumen kann.

Genau genommen ist es gegen 14 Uhr. Sitze seit einer Stunde mit einem Riesenpott Kaffee in Schlafanzug und Bademantel einfach nur da und höre immer noch nur in mich hinein.

Den Blick stur aus dem Fenster gerichtet.

Aber da is nix in mir!

Mal strenge ich mich an wie verrückt und dann wieder hänge ich meinen Brägen an den Garderobenhaken und lüfte nur so durch.

Ganz egal, keine Buchstabensuppe kocht da in mir und raus will auch nichts. Außer Kaffee.

Wie machen die das bloß, diese Schreiberlinge? Und haben die nichts anderes zu tun?

Die alltäglichen Dinge zum Beispiel.

Wie unsere Flurlampe.

Die ist dunkel, seit meine Knechterin sie in der letzten Woche einmal kurz aufblitzen sah.

Merke: unsere Energiesparlampen sind hier keine wirklichen Sparlampen. Die Dinger gehen  so oft kaputt, dass ich von den auf der Packung angegebenen Brenndauern nur so weit entfernt träumen kann, wie von einem luxuriös auskömmlichen Schriftstellerdasein.

Vielleicht habe ich aber nur die falsche Sorte Energiesparlampen.

Jedenfalls fällt mir immer erst ein, dass ich eine kaufen wollte, kurz bevor die Knechterin nach Hause kommt. Um diese unglücklichen Umstände zu vertuschen, bleibt mir seit Tagen nichts anderes übrig, als schnell jede Menge Teelichte und Stumpenkerzen anzuzünden und schon im Flur auf weihnachtliche Romantik zu machen.

Romantik, also genau das, was Männer ja soo gerne machen. Nicht nur im Advent, Advent…