Der lange Winter kostet Nerven und Geld. Man muss man den ganzen Tag heizen. Draußen fühlt man sich bei dem Wetter so wohl, wie als Gast bei meiner betagten Tante Ortrud.

Jeder, der im Alltag zweifelt, sollte zur Lobpreisung der sonstigen Schöpfung meine Tante Ortrud kennen lernen. Ganz kurz nur, das reicht aus. Sie ist so eine Art Mutter Oberin pommerscher Feldwebelbrutalzuchtmeisterei. Da die liebe Erbtante Ortrud noch lebt, möchte ich ihr das lieber nicht so direkt sagen….

Zum Glück wohnt sie weit weg. Ein paar Jahre hielt sie erzwungene Reiseruhe. Aber seit Einrichtung des  Omnibus- Überlandverkehrs kann Tante Ortrud reisen. Manchmal macht sie vom Reiserecht unangekündigt Gebrauch. Letztes Jahr stand sie plötzlich mit vorwurfsvollem Blick vor der Wohnungstür. “Ihr hättet mich vom Bus abholen dürfen, wenn ich euch besuche! Jetzt geh raus und zahl das Taxameter, der Dienstmann wartet.”

Sie war zwei Orte zu früh ausgestiegen und die Taxirechnung war eine echte Investition. Hoffentlich keine hierbleibende, dachte ich. Der mitleidige Blick des Fahrers ließ mich anderes erahnen. 7 ganze Tage. Und Nächte wollte sie bleiben. Wir haben das Programm in vier Tagen geschafft. Aus Notwehr. Dann waren wir froh, als sie wieder den Bus in Richtung Heimat bestieg.

Tante Ortrud ist immer gut informiert. So gut, dass sie gelegentlich zum Telefon greift und den Familienmitgliedern aufträgt, was  zu tun ist. Wenn nicht, käme sie einfach demnächst ein paar Tage zu Besuch und würde das dann für uns erledigen. Gestern telefonierte sie mit meiner Frau, die den Auftrag sofort nach unten weiterdelegierte.

Nach ganz unten. Also zu mir. Mit Dringlichkeit!

Große Energiekonzerne pressen im Jahr bis zu 50 Mrd. € Profit aus den Menschen. Das solle man nicht unterstützen. Also empfahl sie uns dringend einen Gasanbieterwechsel.

Und sie gab gleich Tips, wie es geht. Hätte sie alles gelesen. So, so Tante Ortrud mit über 90 Jahren bringt uns auf Trab? Mein Protest setzt ein: Kein Stück, wie kommen wir denn dazu? Kurz überlegen, sagt meine Frau: es geht in erster Linie um unser Geld und dann um deine Tante Ortrud. Willst du es dir mit ihr verscherzen?

Welche Exit- Strategie haben wir, wenn wir es nicht machen?

Ich checke alles durch und siehe: ne Menge Geld bleibt in der eigenen Tasche. Und das ist allemal viel besser und versöhnlicher als Tante Ortrud eine Woche zu Gast beim Familienknecht.