Arschkalt wieder heut morgen. Ab -12°C  hört ja wohl auch in der Großstadt aller Spaß auf.

Ich trete aus der Haustür und hauche den frischen, warmen Kaffeeduft aus meinem Mund kräftig in die Kaltluft. Und nicht nur den. Meist verbindet sich der Geruch vor mir irgendwo mit dem Tag und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Heute nicht. Gleich auf den ersten Zentimetern gefriert der losgewordene Mundfeuchtegeruch zu einem festen Zapfen. Und der bricht, sofort zu Eis gefroren, auf meine Füße. Wirklich.

Auf seinem Weg nach unten fährt er mir schnell nochmal in die Nase und erinnert mich intensiv daran, dass ich mir unbedingt die Zähne putzen sollte. Unten angekommen, zerspringt das Dufteis und bleibt für den Rest des Tages als Geruchsfilm auf meinen Füßen zurück. Innerlich fühlt sich das in etwa so an, als wäre man in einen frischen Haufen “Irgendwas” getreten.

Derweil frieren mir ganz schnell die Hände durch- noch bevor ich das Auto überhaupt erreiche. Von Scheibe frei ist da noch lange nicht die Rede. Überleben ist hier erst mal wichtig.

Ich habe soeben beschlossen, bei diesen menschlichen Extremsituationen mal wieder ein egomanisches Öko-Schwein zu sein.

Die Scheiben sind ja außerdem vor Kratzern zu schonen. Darum besprüh ich sie rundum reichlich mit dem verteufelten, blauen Scheiben- Entfroster. Dann krieche ich in den Wagen. Kurzes Gebet zur Batterieladung. Gaspedal tief runter- und den Schlüssel rumgedreht.

Hustend legt der Motor los. Einerseits klingt er lautstark belästigt, andererseits auch wieder rülpsend erfreut. Es ist wohl der technisch-vergnügliche Ausdruck dafür, dass die Abwrackprämie an ihm schadlos vorüber gegangen ist. Und das war gar nicht so selbstverständlich. Bevor unser Auto das erste Mal aus seinem Radio von dieser Art der neuzeitlichen Schrottgewinnung erfuhr, tat es eine Menge um ganz weit oben auf der Liste zu stehen.

Aber wir haben einander vergeben. Geld für ein Neues war eh nicht da.

Um meine mit diesem Sündenfall erworbene, schlechte Öko- Karma- Bilanz nun möglichst schnell aufzubessern, geh ich sofort wieder in die Küche. Hier zünde ich ein Duftstäbchen an und brühe mir einen Tee, und das geht so:

Zuerst am Besten still eine Naturmantra beten. Dann frische Ingwerwurzel schälen und etwa fünfzehn dünne Scheiben abschneiden. Mit frisch sprudelndem Wasser in einer Kanne aufgießen und in Ruhe mindestens 10 Minuten ziehen lassen. Leicht abgekühlt und lecker mit Honig versüßt, genieße ich den erwärmenden Tee. Dazu höre ich entspannende, indische Weltheilungs- Musik und esse ein bis zwei Reformhauskekse.

Somit fühle ich mich gleich viel wohler. Ich habe nun genug positive Energie und angegrünte Öko- Ausstrahlung für den Tag in mir.

Also geht es los, mit gereinigtem Gewissen raus in die Kälte.

Die Autoscheiben sind ja jetzt komplett frei. Tja dass nun die Karosse tropft, war nicht vorgesehen. Tja, da war der Motor wohl doch im Stand inzwischen ziemlich heiß gelaufen.