Es sind genau diese Momente, die das Leben komplett zerreißen und einen Familienknecht am Boden zerstören. Es zermürbt mich und macht mich völlig fertig.

Mit einem einzigen Ringeldingelding ist alles kaputt. Da hat man auf noch eins gar keine Lust mehr.

Müde und matt von der Wochenarbeit kam ich ins traute Heim. Und doch war ich sehr aufgeregt, ich hatte so dringendes zu berichten.

Gerade war ich dabei, der Familienknechterin von all den fantastischen Unglaublichkeiten in meiner Firma zu erzählen, für die ich mich aber so was von doll zum absoluten Schweigen verpflichtet hatte. So sehr zum Schweigen also, dass ich es ihr s o f o r t alles haarklein erzählen musste.

Zugegeben, es war angesichts des seit Tagen fortlaufenden Regens nicht besonders schön, erst hinterher die Schuhe auszuziehen. Aber es war zumindest der Nachricht und der gegebenen Situation entsprechend angemessen- meinte ich.

Gerade hatte ich begonnen und geschickt den ersten erzählerischen Spannungsbogen aufgebaut, klingelte das Telefon:

Ringeldingelding! — ? Und dann noch mal.

Die Knechterin rief gleich nach der Vorstellung der Anruferin  (natürlich eine Anruferin, was sonst?)

„Hallo Heidi, toll dass du anrufst“ und begann ein nach Frauenart typisches Ganzlangezeitgespräch ohne Luftholen…

Aber das wusste ich da noch nicht. Eigentlich wähnte ich mich selbst ja noch im Erzählfluss und dachte an ein Kurztelefonat.

Derweil stand meine Erzählhälfte auf und verschwand laut schnatternd in der Küche.

Heidi…, den Namen kannte ich irgendwoher- kann vielleicht eine Kollegin von früher sein.

Sie kommt bestimmt gleich wieder, hoffte ich.

War ja schließlich spannend, was ich zu sagen hatte…

Nach einer Viertelstunde flog die Tür auf aber die Knechterin fragte mich nur kurz nach dem Namen des jungen Tierarztes, der vor elf Jahren einmal unseren vormaligen Hund behandelt hatte…

Da wusste ich in etwa, wie lange sich die Beiden nicht gesprochen hatten und konnte abschätzen, wann die lange Geschichte im Hier und Jetzt des Jahres 2012 etwa zu Ende sein würde.

Na prima, dachte ich, nun kann ich genau an der Stelle weiter warten, an der sie eben hereinkam und mich mitten beim intensiven Warten unterbrach.

Was haben Frauen nur so lange zu erzählen? Urlaub, Männer, Sex, Autos?

Oder Sex im Urlaub mit Männern in Autos??

Ich werd´s nie erfahren.

Wenn das schon so lange dauert, könnte ich mir wenigstens die Schuhe ausziehen. Die sind jetzt eh trocken.

Eine halbe Stunde später -so nahm ich mir nun fest vor- esse ich dann zur Strafe erst ganz allein  Abendbrot, nehme anschließend ein ausgiebiges Wannenbad bei Kerzenlicht und wenn sie dann noch immer telefoniert, … dann treib ich´s aber richtig bunt!

Dann setze ich mich an den Computer, denke lange, lange nach und werde einen bitterbösen Artikel in mein Blog schreiben.

Über fremde Frauen nämlich, Frauen die ganz doll herzlos sind und ihren Männern nicht mal zuhören können. Sie hat es also selbst in der Hand.

Aus völlig unbegründeter Furcht vor Rache der Knechterin werde ich vorsichtshalber keine Namen veröffentlichen. Es könnte sich jemand fälschlicherweise angesprochen fühlen…

Aber soweit wird meine Liebste es nie und nimmer kommen lassen!

Sicher ist sie gleich fertig und hört mir weiter zu.

Allein die Nichtexistenz meines anonymen Pamphlets über weibliche Ungezogenheit beweist ja wohl  hinreichend, dass die Vermutung eines längeren Knechterinnentelefonates eine völlig unbegründete Annahme war…

Dann fiel es mir doch ein: Heidi ist bestimmt diese langweilige ehemalige Nachbarin, die mal ein Vierteljahr neben der ungeehelichten Jungknechterin wohnte.

Sie quatschte der Knechterin damals oft die Taschen voll, bevor sie in die städtische Irrenanstalt verbracht wurde.

Nee, versteh ich schon, Heidi ist heut wichtig…

Aber eins hab´ ich mir fest vorgenommen: über Heidi schreibe ich auch noch, und dann nenne ich sie auch HEIDI!

Telefongespräch – Teil 1

Wache morgens auf, meine Frau musste früher los. Aufwachen ist bei mir eine längere Prozedur. Kann schon mal ein, zwei Stunden dauern. Ein erster Im-Liegen-System-Check sagt: mir ist warm und ich spüre keinen Schmerz. Völlig unerwartet kommt das. Da  kriege ich schon mal ein mulmiges Gefühl. Schockstarre. Es ist so ungewohnt, dass ich erst mal tiefenprüfe, ob ich noch lebe, wo ich bin und was das soll. Dauert länger, führt aber wie üblich zu nichts. Bevor ich nun also die Augen öffne, denke ich nach, was das nun wieder zu bedeuten hat.

Was war gestern geschehen? Nur das übliche: Arbeit, viel Arbeit, noch mehr Arbeit und dann Hausarbeit als Familienknecht. Bis zum Umfallen. Anschließend Essen, ein warmes Wannenbad und dann ins Bett.

Normaler Weise gehe ich zum Bett, hebe die Decke an und schlafe noch während des Einsteigens sofort vor Erschöpfung ein. Mein zweites Bein bleibt draußen, das schaff ich dann nicht mehr mit rein. Klar, dass es morgens kalt ist.

Nun lieg du mal so als Bein, die ganze Nacht über eine Holzkante abgehängt, am offenen Fenster. Ohne Decke und dafür mit abgeklemmter Blutzufuhr. Was machste denn dann, na? Melden natürlich: Schmerz senden. Kommt ja auch an bei mir. Morgens.

Also Schmerz bemerkt, hat ja jetzt nicht lange gedauert bei mir. Vielleicht ein, zwei Sunden.

Langsam kommt die Erinnerung wieder. Als ich in der Wanne lag, telefonierte die Herrin mit ihrer Freundin Annika. Nein, nicht privat. Mehr so ganz bedeutungsvoll. Sie mussten schnell all die notwendigen Dinge für´s weitere Überleben absprechen. Total Frauenmäßig wichtig eben. Aber das könne ich als Mann ja sowieso nicht begreifen. Wegen meines bekannten  Chromosomenfehlers, sagt sie immer.

Frauentelefonate sind bekanntlich kurz. Einfach nur kurz. Gehen eigentlich immer ganz, ganz schnell. Punkt für Punkt wir da konzentriert abgearbeitet. Tack, tack, tack geht das da nur so. Alles was wirklich wichtig ist, jedoch stark eingeschränkt auf eben nur das, was unbedingt gesagt werden muss. Versteht sich, das k a n n gar nicht alles unter einer Stunde abgehakt sein.

Aha, Telefongespräch, soweit bin ich schon mal. Und dann muss ich da etwas gehört haben, das mich die ganze Nacht nicht schlafen ließ. Oder einen erheblich großen Teil der Nacht. Jedenfalls so lange, dass mein Körper beim Hinlegen noch irgendwie in der Lage war, die  sonst auswärts übernachtende Restextremität reflexartig heranzuziehen.

Und so scharf kombiniert, merke ich morgens sofort, dass etwas nicht stimmt. Schon super, so ein unglaubliches Körpergefühl zu haben, denke ich. Da will ich gleich mal aufstehen und mir den tollen Typen sofort im Spiegel ansehen! Also raus aus dem Bett, frisch in den Tag und ab zum Spiegel.

Der Anblick ist bitter. Er macht mich so enttäuscht wie gedankenleer. Ich hab jetzt irgendwie  den Faden verloren. Was war gleich noch mal? Es war auf alle Fälle wahnsinnig wichtig. Muss noch mal ganz von vorn anfangen. Gehe erst mal ins Bett