Es ist Februar und bitterkalt. Manchmal sogar unter null Grad. Sagt das Radio jedenfalls. Ich befinde mich seit Wochen in winterschlafartiger Schockstarre. Unterbrochen nur von unbedingt nötigen Gängen ins Freie. Die empfinde ich dann zumindest als Zumutung, bei längeren Außenaufenthalten denke ich an Nötigung. Es drängt mich in die Wohnung, wie die Urmenschen in ihre schützende Höhle.

Früher scharten sich im Winter alle um das Höhlenfeuer. Sie sahen verträumt in die Flammen, wärmten sich aneinander und warfen hin und wieder etwas Holz nach.

Dieses wunderbare, historische Erbgut haben großartige Menschen mit Kultursinn bis heute  bewahrt und entwickelt. Unermüdlich haben sie für ihre Mitbürger und Nachweltler neuartige, sichere Feuerstellen entwickelt, gebaut und getestet. Das ganze Jahr über arbeiten sie körperlich hart und machen sich in ihrer raren Freizeit krumm für ein bisschen Wärme im Winter. Unerschrocken sammeln sie Knüppel im Wald und schleppen das Holz im Schweiße ihres Angesichts auf dem Rücken heim. Dann schinden sie sich weiter. Charakterfest, immer das Ziel der lodernden, wärmenden Flamme vor Augen hacken, trocknen und stapeln diese bewundernswerten, fleißigen Menschen das ganze Jahr über Holz für den Winter.

Zu denen  gehöre ich nicht. Ich setz mich lieber mit zwei Pullovern und Ingwertee in meine Höhle und knips die Röhre an. Dann glotze ich hinein und überanstrenge mir praktisch ganz, ganz intensiv stundenlang meine Augen. Auch dabei kann man leiden. Das ist dann quasi ein dauerhafter Schmerzausgleich fürs Nichtsammeln, Nichtschleppen und gaaanz intensives Holzhackenseinlassen.

Aber das war mal. Glotze gucken ist bei uns heute was ganz anderes als früher. Zumindest seit Raimund bei uns war.

Eines Tages saß er zum ersten mal neben mir „in der Höhle“. Er folgte meinem Blick in die Ecke, wo das TV- Röhren- Feuer war. Entsetzt starrte er auf unser besonders altmodisches und kleines Feuer. Dann nahm er bedächtig seine große Brille ab, die er wohl beim Oceans- Filmdreh dem  Reuben Tishkoff vom Requisitentisch geklaut hatte. Zuerst beugte er sich weit vor, dann zu mir herüber und meinte: „Krass, das es so was noch gibt“. Nicht mehr. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Alles war in Ordnung. Röhrenfeuer war an und lief. Whisky gab´s auch einen dazu und fertig. Was also fehlte hier?

Tage später saß ich bei seinem Whisky in seiner Höhle vor dem Feuer. Und gar nichts war mehr gut.

DAS war ein Höhlenfeuer! Sein Feuer misst in der Diagonale ungefähr 42 Zoll und ist von hoher Bildbrillanz. Gekoppelt mit einem speicherfähigen Rechner der bequem über Funktatstatur angesteuert wird. Akustisch angeschlossen ist eine urgeile Teufel Sorround- Anlage. Er hob achtsam den Zeigefinger, nahm die Tastatur. Mit zwei Klicks war dort, wo eben noch das Fernsehbild lief, nun riesengroß das Internet –ich war platt.

Zwei Klicks weiter orderte er einen „Frauenlieblingsfilm“ und drückte auf Start.

Boah! Das Peitschen der Schüsse war nicht nur vor, sondern auch hinter mir derart intensiv zu hören, dass ich mich unwillkürlich duckte. Der tiefe Bass des Subwoofers ging bei den Explosionen bis in den Magen. Mir flogen die wenigen verbliebenen Haare nach hinten und ich bekam eine Weile keine Luft.

Mir schwirrte der Kopf. Die Gedanken sowas geht? und was kostet das denn? Wurden völlig überlagert vom überlauten MUSS ICH HABEN!!!

Kostete wirklich nur ein Appel und ein Ei. Seitdem habe ich mich in die neue Heizleistung unseres „Höhlenfeuers“ verliebt. Raimund hat es in nur 10 Tagen bei uns entzündet. Luxus pur.

Und ich habe dabei eine furiose Entdeckung gemacht: je größer das Höhlenfeuer, desto wärmender ist es für die Seele. So, Schluss jetzt, der Familienknecht muss nun: anheizen!