½ Treppe tiefer. Der einzige Sitzplatz dort, wo mal ein Fensterbrett war. Bevor der Soldat die Scheibe einschlug und sein MG abstellte.

Große Baukunst, stelle ich anerkennend fest. Eine Handbreit Fensterholz an den Seiten reicht aus, um etwa zwei Kilo zerzutschter Kaugummimasse aufzunehmen. Die alten Plombenzieher sorgen für die einzig  feste Verbindung zum Rahmen. Besonders an der Seite, wo ein Kartonstück Koljas zerborstene Scheibe ersetzten. Ich erkenne darauf Werbung für Igelit- Schuhe und begreife die Historie der Kautschuksammlung. Sogar die DDR hatte Igelit- Giftbotten in den 50ern verboten.

Dann ein Gedanke: das ist gar nicht echt hier. Die filmen das und ich bin das Trottelgesicht! Oben die Brüllkuh, das war Anke Engelke und gleich kommt der Gesichtskomiker Pastewka als Chef. Klar, muss ja so sein. Denen werd ich´s zeigen, über solchen Schabernack bin ich aber so was von erhaben!

Ich setzte mein wissendes Gesicht auf und die Umhängetasche auf den Rücken. Dann taste ich mit den Händen die Wände Stück für Stück nach Infrarotkameras ab. Müssen doch da sein. Ich finde keine. Als ich schwitzte, hörte ich auf zu suchen. Es musste schon fast eine halbe Stunde vergangen sein.

Nun wurde ich trotzig und wollte auch den ganzen Rest von dem Laden sehen. Schlimmer konnte es ja nicht werden. Ich fühlte mich angesichts der Zustände schon mal sehr, sehr sicher und überlegen.

Dann hörte ich ihn kommen. Er fluchte etwas nach, das die Treppe hoch hetzte. Etwas war ein kräftiger English Bulldog-Rüde. Der Köter witterte anscheinend unsere Hündin und warf sich sofort begattend auf mein linkes Bein. Wer schon mal so einen Köter am Bein hatte, der weiß, warum das rubbelnde Monster nicht einfach abzuschütteln war. Er machte weiter.

Mir war das so peinlich. Der Typ ging einfach grinsend vorbei, drehte sich oben um und sagte verständnisvoll wienerisch näselnd: „weenns fertig seid, kommts einfach nach.“

Es dauerte eine Weile aber irgendwann ließ er von mir ab. Ich richtete meine Krawatte und den Anzug sorgsam, strich mir das Haar aus dem Gesicht und ging nach oben. Nun kam mein großer Auftritt. Ich wollte meine ganze Überlegenheit ausspielen. Das gesamte Firmenpersonal erwartete mich bereits am Tresen. Alle Beide.

Das Kinn nach oben reckend stellte ich mich ihm vor. „Ja fein“, sagte er, „und was wolln `S jetzat?“ Er blieb stehen und vermittelte nicht den Eindruck, dass er mich ins Büro bitten wollte. Ich sprach ihn auf den Termin für die ausgeschriebene Position an. Er hob er die Augenbrauen und fragte: „Sie wissen schon, dass wir ein seriöses Unternehmen sind und gewisse Ansprüche ans Personal stellen?“

„Na ja“, gab ich so verständnislos wie verärgert zurück und unterstrich meine Worte mit einer den Raum umfassenden Geste. „Na ja, so hoch werden die kaum sein“

„Schaut hier net nach vuiel Geld aus, aber für Grundansprüche reicht´s schon noch“ antwortete er. Er bemerkte mein fragendes Gesicht und wies auf einen Spiegel hinter mir. Ich drehte mich um: und bekam einen Schock.

Das, das, das  war ich nicht! Nie im Leben!

Ein verrußtes Monster mit verschmiertem Gesicht in verdreckten Sachen starrte mich an. Ich begriff: der Flur, die Wände, schwitzen im Gesicht, Spinnenweben- oh!

In meinem Kopf hämmerte es: Abflug, sofort!Ich war so froh, ihm nicht eine meiner neu gedruckten Visitenkarten gegeben zu haben. Auf der Treppe hörte ich, wie er zu ihr sagte: „Net a mal waschen können´s sich, aber große Kohle machen bei uns.“ Aber da war ich schon fast unten.